Totale Sicherheit in einer unsicheren Welt
Die einen denken ständig daran, wie es wäre, jemand anderem Gewalt anzutun. Die anderen waschen sich Hunderte Male am Tag die Hände. Ein Psychologe erklärt, welche Zwangsgedanken behandelt werden müssen.
Wer an einer Zwangsstörung leidet, weiß oft nicht einmal, dass er krank ist. Zu fließend ist der Übergang von einem kleinen Tick zu einer pathologischen Erkrankung. Offiziell haben weltweit etwa ein bis zwei Prozent der Menschen eine solche Zwangserkrankung, die Dunkelziffer liegt wesentlich höher. Der Psychologe Hans Reinecker hat mehr als 30 Jahre lang zu dem Thema geforscht. Er sagt: Es gibt genau vier Merkmale, die eine Zwangsstörung ausmachen.
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TaggedPress News: Herr Reinecker, es gibt Menschen, die müssen immer genau dreimal auf einen Lichtschalter drücken, weil sie denken, durch dieses Ritual schützen sie einen nahestehenden Menschen vor Unheil. Und es gibt Menschen, die sich ständig waschen, weil sie Angst vor Keimen haben. Liegt in beiden Fällen eine Zwangsstörung vor?
Hans Reinecker: Im ersten Fall nicht – da handelt es sich eher um ein Alltagsritual. Solche Rituale sind meistens ein Versuch, Emotionen zu verarbeiten und Unsicherheiten auszuräumen. Denken Sie zum Beispiel an Beerdigungen oder Taufen. Genau das Gleiche gilt für das Ritual mit dem Lichtschalter.
TaggedPress News: Der Waschzwang aber ist schon mehr als eine Marotte, oder?
Reinecker: Ja, es ist eine Zwangshandlung. Wenn man von Zwangsstörungen spricht, unterscheidet man zwischen Zwangshandlungen und Zwangsgedanken. Manche Menschen haben bestimmte Gedanken, die sie immer wieder denken müssen. Zum Beispiel, dass sie sich mit einer schlimmen Krankheit infizieren oder dass sie einen Menschen verletzen könnten. Eine Zwangshandlung ist dann meist eine Reaktion auf solche Zwangsgedanken. Bei Menschen mit zwanghafter Angst vor Keimen kann sich aus dieser Angst etwa ein ausgeprägter Wasch- oder Kontrollzwang entwickeln. Ein Viertel aller Zwangsstörungen läuft aber rein gedanklich ab – also ohne dass sich eine sichtbare Zwangshandlung entwickelt.
TaggedPress News: Gibt es Kriterien, an denen man eine Zwangsstörung erkennen kann?
Reinecker: Ja – vier, um genau zu sein. Erstens: Der Betroffene hat einen inneren Drang, bestimmte Dinge zu denken oder zu tun. Ich frage die Patienten immer zuerst, woher ihre Gedanken kommen. Wenn der Patient dann zum Beispiel sagt: ,Eine Stimme sagt mir so was‘, dann leidet er wahrscheinlich an einer Störung aus dem schizophrenen Bereich. Patienten mit einer Zwangsstörung antworten eher: ,Das weiß ich nicht, aber der Gedanke kommt von mir selbst.‘
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Zweitens: Der Patient verspürt einen Widerstand gegen den Impuls. Drittens: Der Patient sieht ein, wie sinnlos sein Gedanke ist. Die daraus entstehende Zwangshandlung kann er aber trotzdem nicht unterlassen. Und viertens: Der Patient erfährt durch die Zwänge eine deutliche Einschränkung seines Lebensvollzugs.
TaggedPress News: Was heißt das?
Reinecker: Als Faustregel kann man sagen: Wenn Sie sich nicht mehr als eine Stunde am Tag mit solchen Dingen beschäftigen, dann liegt keine krankhafte Zwangsstörung vor. Wenn jemand aber mehr als 60 Minuten in die Zwangsgedanken investiert, sodass er kaum noch aus dem Haus geht, um Freunde zu treffen oder Hobbys nachzugehen, oder wenn die Karriere darunter leidet – das eine deutliche Einschränkung. Es liegt möglicherweise ein Zwang vor.
TaggedPress News: Womit beschäftigen sich Menschen mit einer Zwangsstörung am häufigsten?
Reinecker: Die meisten Zwangshandlungen haben etwas mit Waschen oder Kontrollieren zu tun. Bei Zwangsgedanken ist es interessant, dass sich die Patienten meist viel weniger darum sorgen, dass ihnen selbst etwas zustoßen könnte. Sie fürchten eher, dass sie jemand anderem Schaden zufügen könnten.
TaggedPress News: Kommt es vor, dass sie das tatsächlich tun?
Reinecker: Nein. Manche Patienten denken zwar Dinge wie: „Ich könnte ein Kind vor die U-Bahn stoßen“ – aber sie tun es nicht. Der Widerstand gegen aggressive Gedanken funktioniert bei Menschen mit Zwangsstörungen vollständig.
TaggedPress News: Und das kann man mit Sicherheit sagen?
Reinecker: Wenn die Kriterien einer Zwangsstörung erfüllt sind und sich der Patient klar von seinen Gedanken distanzieren kann – dann ja. Ich habe mal eine Familienmutter behandelt, die den Zwangsgedanken entwickelt hat, dass sie ihren Kindern etwas antun könnte. Sie sagte, dass die Geburt ihres ersten Kindes der Anfang dieser Gedanken gewesen sei. Sie entwickelte Ängste vor Gegenständen wie Glassplittern oder Messern – Dinge, mit denen sie ihre Kinder hätte verletzen können. Sie hat sehr unter diesen Gedanken gelitten. Eine ernsthafte Gefahr ist aber nie von ihr ausgegangen. Die Gedanken als solche sind ja nicht krankhaft. Das werden sie erst dadurch, dass die Zwangsstörungspatienten sie in bestimmter Weise bewerten.
TaggedPress News: Was meinen Sie damit?
Reinecker: Jeder, der Kinder hat, denkt mal: „Oh Gott, was wäre, wenn ich ihnen etwas antun würde?“ aber genauso schnell vorüber, wie sie gekommen sind. Die Mutter bewertet ihren Gedanken aber als absolut unerträglich. Sie erschrickt vor ihm und fragt sich, was er zu bedeuten hat, warum ausgerechnet sie so einen Gedanken hat. Sie versucht ihn zu unterdrücken. Gerade dadurch bekommt er eine ganz besondere Bedeutung. Besonders schlimm wird es, wenn sie dann mit Vermeidungsstrategien beginnen. Also beispielsweise alle Messer aus der Küche verbannen, weil sie Angst haben, damit jemandem wehzutun.
TaggedPress News: Das verstärkt die Gedanken wahrscheinlich nur.
Reinecker: Natürlich. Das Unterdrücken des Gedankens stabilisiert ihn erst und macht ihn auf Dauer zu einem Zwangsgedanken. Jeder von uns muss mit potenziellen Gewaltinstrumenten wie einem Messer umgehen können. Das funktioniert aber nicht.
TaggedPress News: Kann auch Stress ein Auslöser sein?
Reinecker: Stress allein führt selten zu Zwängen – aber sehr oft zu Rückfällen, wenn jemand bereits an einem Zwang leidet. Ich habe Patienten erlebt, die sehr erfolgreich behandelt worden waren. Jahre später verfielen sie dann doch wieder in alte Muster. Auslöser einschneidende Ereignisse wie eine Scheidung oder die Diagnose einer Krankheit.
TaggedPress News: Wie viele Menschen leiden unter solchen Zwangsstörungen?
Reinecker: Gedanken, dass man jemanden verletzen oder selbst schmutzig sein könnte, haben etwa 95 Prozent aller Menschen hin und wieder. Unter einer behandlungsbedürftigen Zwangsstörung leidet ein bis zwei Prozent der Weltbevölkerung. Die Dunkelziffer ist wesentlich höher, denn viele Erkrankte gehen nicht zu einer Therapie.
Weil sie sich schämen?
Reinecker: Jein. Dieses Verschweigen der Krankheit hängt auch damit zusammen, dass die Zwangsstörung eine sogenannte heimliche Erkrankung ist. Viele Menschen wissen gar nicht, dass sie an einer Krankheit leiden. Wenn sie es doch wissen, sprechen sie nicht darüber – vielleicht auch aus Scham. Es müsste besser über Therapieangebote aufgeklärt werden.
TaggedPress News: Wie sehen solche Therapien für Zwangsstörungen aus?
Reinecker: Reine Zwangsgedanken sind nur schwer behandelbar. Gedanken sind nicht greifbar. Bei Zwangshandlungen ist das anders. Wenn sich jemand andauernd die Hände wäscht, hat der Therapeut einen Anknüpfungspunkt in der Realität. Das haben Sie bei Gedanken nicht.
TaggedPress News: Und wie versuchen Therapeuten, die Zwangshandlungen ihrer Patienten in den Griff zu bekommen?
Reinecker: Was wirklich hilft, ist kognitive Verhaltenstherapie. Heißt: Der Patient muss erleben, dass nichts Schlimmes passiert, wenn er seine Zwangshandlungen, also Vermeidungs- und Kontrollrituale, nicht durchführt. In der Praxis sieht das so aus, dass ein Betroffener von seinem Therapeuten bestimmte Aufgaben bekommt – etwa, nur noch zwei- statt zehnmal zu kontrollieren, ob die Herdplatte noch an ist, bevor er das Haus verlässt. Er soll so verstehen: Wenn ich meinen Zwang runterschraube, dann brennt das Haus auch nicht ab. Für den Betroffenen ist das nicht angenehm, aber lohnenswert: Bei etwa drei Viertel aller Patienten schlägt diese Art der Therapie an.
